Warum der Bundesrat dem Privatfernsehen keine Chance geben wollte

Vor 60 Jahren hat der Bundesrat den Versuch abgeschmettert, in der Schweiz mit einer zweiten Fernseh-Konzession Privatfernsehen zu ermöglichen. Die Regierung begründete ihre Ablehnung damit, dass Privatfernsehen aus kommerziellen Gründen allzu sehr auf den "Geschmack eines anspruchslosen Publikums" ausgerichtet würde. Ausserdem verfüge ein kleines Land wie der Schweiz schlicht nicht über das nötige "Reservoir an fähigen Mitarbeitern".

SRG Idée Suisse

Zu Beginn der 50er Jahre, als das Fernsehen die Schweiz erreichte, kam auch die Frage auf den Tisch, ob neben der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) eine private Fernsehgesellschaft konzessioniert werden sollte.

 

In seiner Stellungnahme zur „Gestaltung des schweizerischen Fernsehens“ führte der Bundesrat am 8. März 1955 u.a. aus: „Die Übertragung der Konzession auf eine private Gesellschaft wäre nur möglich, wenn dieser gleichzeitig weitgehende Freiheit in der Ausstrahlung von Reklame gewährt würde. (…) Die an das schweizerische Fernsehen gestellten hohen Anforderungen können wohl nur durch eine gemischtwirtschaftlich organisierte Gesellschaft ohne Erwerbszweck und mit entsprechender Einflussnahme des Bundes in befriedigender Weise erfüllt werden. Finanzielle und organisatorische Überlegungen sprechen ebenfalls gegen die Gründung einer neuen Gesellschaft.“

 

An dieser Argumentation hielt der Bundesrat auch 13 Jahre später in seiner Stellungnahme vom 22. Mai 1968 fest. Drei Jahre vorher hatte er der SRG gestattet, ab dem 1. Februar 1965 Werbung zu senden, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Zahl der TV-Abonnenten viel rascher zunahm als erwartet und die Aussicht auf Werbeeinnahmen zusätzlich lockte.

 

Diesmal erklärte die Regierung u.a.: „In einem kleinen Land wie der Schweiz würden sich zwangsläufig Unzulänglichkeiten einstellen, die mit dem gleichzeitigen Betrieb zweier in Wettbewerb stehender Fernsehorganisationen verbunden sind und schwerwiegende Folgen hätten:

 

·         - Da die Schweiz ein kleines Land ist, ist das Reservoir an fähigen Mitarbeitern begrenzt;

·        -  Da die beiden Gesellschaften auf den Ertrag der Werbung angewiesen sein würden, müssten sie Konzessionen an den Geschmack eines anspruchslosen Publikums machen, um den Inserenten den Nachweis einer grossen Zahl von Zuschauern zu erbringen;

·        - Fazit: Verteuerung auf der einen, Qualitätsverlust der Programme auf der anderen Seite.“

 

Darum lehnte der Bundesrat, wie schon im Jahre 1955, die Konzessionierung einer zweiten TV-Programmgesellschaft ab. Wie auch Vorschläge, die darauf zielten, Lokalprogramme durch private Gesellschaften über Kabelfernsehnetze zu verbreiten.

 

Christian Fehr