Macht und Mythos der Medien

Der spanische Journalist und Medienwissenschafter Ignacio Ramonet hat vor Jahren das Buch «Die Kommunikationsfalle» geschrieben, in dem er analysiert, was die Allianz von Kommerz, Ideologie und Gedankenlosigkeit stets ausblendet: Im Wettbewerb um Publikumszuspruch bleibt die staatspolitische Rolle, die die Medien im System der Gewaltentrennung einer demokratischen Gesellschaft wahrzunehmen hätten, auf der Strecke.  Ramonets Sachbuch ist kurz vor der Jahrtausendwende erschienen, seine Analyse von Macht und Mythos der Medien ist heute so zutreffend wie noch nie.

Informieren heisst, auf folgende Fragen in Bezug auf ein Ereignis oder eine Entwicklung Antworten zu geben: Wer hat was gemacht? Wann? Wo? Warum? Mit welchen Mitteln und unter welchen Umständen? Welches werden die Folgen sein? Doch längst setzt sich eine ganz andere Vorstellung von Information durch. Die Information ist zum Infotainment und damit zur «Variété-Veranstaltung» mutiert, wie dies vor Ramonet schon der amerikanische Medienwissenschafter Neil Postman am Beispiel des amerikanischen Fernsehens in seinem Buch «Wir amüsieren uns zu Tode» 1985 beschrieb. Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg (1991) ist das Fernsehen dabei das dominierende Medium. Es ist nicht mehr nur das wichtigste Freizeit- und Unterhaltungsmedium, sondern es ist auch das wichtigste Informationsmedium geworden.

 

Das Fernsehen und die Macht der Bilder

 

Früher wurden die Fernseh-Nachrichten auf der Basis der Informationen zusammengestellt, die am gleichen Tag in der gedruckten Presse erschienen waren. Man benutzte vor allem die gleiche Rangordnung der Informationen. Das galt bis Mitte der 1970er-Jahre. Bis etwa zur Jahrtausendwende übernahm das Fernsehen den Lead, seither haben die «social media» den Lead. Geblieben ist von der Fernseh-Vorherrschaft das grundlegende Informationsverständnis: Fast nur das Sichtbare ist informationswürdig, während das Unsichtbare nicht spannend genug und folglich medial nur schwer verkäuflich ist.

 

Medien, Macht und Demokratie

 

Und wie ist es vor diesem Hintergrund um die Rolle der Medien als «vierte Gewalt» bestellt, die den drei anderen Gewalten (Exekutive, Legislative und Judikative) auf die Finger schaut? Ramonet zweifelt, ob die kritische Funktion der «vierten Gewalt» überhaupt noch erfüllt wird. Er sieht die Medien als Instrument in den Händen der Wirtschaft – einer Wirtschaft, die die «erste Gewalt» ausübe.

 

Dazu muss der Leser wissen: Einer seiner Leitartikel, 1997 mit dem Titel «Entwaffnet die Märkte» publiziert, rief die gloablisierungskritische Bewegung Attac („Association pour une taxation des transactions financières pour l´aide aux citoyens“) ins Leben. Anlass war Finanzkrise in den Tiger-Staaten Südostasiens. Ramonet geisselte die Macht der Devisenspekulanten und bezeichnete die Dominanz der Finanzmärkte und den unbeschränkten Kapitalfluss als Gefahr für die Demokratie und die Stabilität der Staaten.

 

In diesen Jahren hat sich gegenüber den Medien ein neues pauschales Misstrauen aufgebaut, das heute mit der Parole «Lügenpresse» echot. Wie kommt es, dass der Journalist in der Mitte der 1970er-Jahre – man denke nur an «Watergate» − als Held der modernen Gesellschaft glorifiziert wurde, heute aber auf einer Rangliste der Ehrlosigkeit ganz oben figuriert?

 

Journalist sein heute

 

Während der Traumberuf des Piloten auch als «fliegender Tramchauffeur» noch etwas vom Glanz der grossen weiten Welt für sich beanspruchen kann, ist dem Journalistenberuf die Butter gänzlich vom Brot genommen worden. Was sich heute mehr und mehr zeigt, hat Ramonet als Entwicklung vorausgesehen. Für ihn stand schon vor über 15 Jahren die Zukunft des Berufes Journalist auf dem Spiel. Ganz allmählich würden die Journalisten verdrängt. Das System wolle sie nicht mehr, funktioniere auch ohne sie. Es gestattet ihnen mithin noch gnädig die Mitarbeit, aber es teilt ihnen eine untergeordnete Rolle zu, nämlich diejenige von Arbeitern am Fliessband bzw. von «Transmissionsriemen»: Aus Journalisten werden «media worker». Die Lage des Berufsstandes verschlechtert sich und mit ihr auch der soziale Status.

 

Eines der ersten Probleme der Information ortete Ramonet bei den verschwommenen Grenzen zwischen dem Bereich der Public Relations und jenem der Information. Seit Ende der 1960er-Jahre haben die Journalisten Schritt um Schritt das Quasi-Monopol auf die freie Informationsvermittlung eingebüsst, das sie innehatten und sie in der demokratischen Gesellschaft unentbehrlich machte.

 

Zum Verlust dieses Quasi-Monopols haben natürlich auch die neuen Technologien beigetragen. Detailliert schilderte Ramonet damals das Beispiel von Matt Drudge, der die Affäre Clinton-Lewinsky via Internet lanciert hatte, indem er auf seiner Website, benamst «The Drudge Report», den Inhalt der Telefongespräche zwischen Monica Lewinsky und ihrer ehemaligen Freundin Linda Tripp integral veröffentlichte.

 

Verschmelzung von drei Sphären

 

Kultur, Information und Kommunikation: Jede dieser drei Sphären war früher autonom, jede hatte ihr eigenes Entwicklungssystem. Inzwischen werden Information und Kultur von der Kommunikation absorbiert und verschmelzen zu einem einzigen globalen, universellen Bereich: zur «world culture» amerikanischer Prägung, einer Art globaler Massenkommunikationskultur. Die Information verkommt zur Handelsware.  Als solche ist sie zum grossen Teil den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen. Andere Grundsätze, namentlich staatsbürgerliche oder ethische, kommen, wenn überhaupt, erst an zweiter Stelle, getreu dem Motto: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Fischer.»

 

Christian Fehr