Journalismus: Zum kritischen Ansatz gehört Neugier

Was ist der kleinste gemeinsame Nenner, den alle Journalisten als Arbeitsgrundlage haben müssen, egal in welchem Ressort sie tätig sind? Es ist Neugier, und zwar selbstverständlich "ergebnisoffen". Ohne Neugier verkommt jedweder kritische Ansatz, den sich Journalisten gern auf die Fahne heften, zur Ideologie.

 

Das Wort hat in den Medien scheinbar endlos Konjunktur: «Verschwörungstheoretiker». Es meint in der Regel jene Zeitgenossen, deren Misstrauen in die offiziell verbreiteten Darstellungen grösser ist als ihr Vertrauen. Die zu einem kleinen Teil jetzt veröffentlichten Geheimpapiere zum Kennedy-Mord sind das neueste Paradebeispiel. «Futter für Verschwörungstheoretiker», höhnen die meisten Redaktoren flugs und ohne sich im Detail damit auseinandergesetzt zu haben. Ihr Urteil gleichsam im Schnellgerichtsverfahren: Es gibt an der offiziellen Darstellung nichts beizufügen oder zu korrigieren. Abgehakt.

 

Eine journalistische Haltung sieht anders aus.

 

Was ist die Aufgabe der Journalisten? Erstens müssen sie sich darüber klarwerden, dass sie oft angelogen werden. Zweitens haben sie aus dieser Erkenntnis ihren Job wahrzunehmen, der damit beginnt, dass sie einen Satz zur Pflicht erheben: "Ich glaube zunächst gar nichts." Denn  Desinformation lauert überall.

 

Statt «Verschwörungstheoretiker» zu ächten, täte das vereinigte Journalisten-Heer gut daran, vermehrt etwas Neugier zu entwickeln. Wem nützt es? Diese Frage ist immer noch der beste kritische Ansatz im Journalisten-Beruf – auch um nicht ahnungslos vereinnahmt zu werden. Was für die Journalisten gilt, gilt natürlich auch für die Leser, wenn sie wie im Fall der «Bahamas Paper» oder der «Paradise Paper» auf gestohlenem Material basieren. Neugier hilft auch dem Leser weiter.  

 

 

Christian Fehr