Ja die Lügenpresse - oder die Rückkehr der Kampfpresse

War der deutschsprachige Journalismus früher – sagen wir: vor Internet und Handy zurück bis in die 1970er-Jahre – besser als er seit der Jahrtausendwende ist? Die Antwort lautet: Ja! Was hat sich verändert?

Herausragende Journalisten gab es nie in grosser Zahl, trotzdem spürten in den Redaktionen Hinz und Kunz, wie nach «Watergate» ein wenig Bob Woodward und Carl Bernstein in ihren Adern pulsierte. Die Vorbilder animierten. Traumberuf Journalist – wo immer möglich die mächtige Elite unter dem Brennglas, oft süffisant – überheblich und selbstgefällig.

 

Lügenpresse? In den Augen der breiten Öffentlichkeit war das Vertrauen in journalistische Texte nie besonders gross. Es fällt aber auf, dass der Vorwurf der Lüge so erst erhoben wird, seit der Mainstream-Journalismus bei grossen Themen wie Globalisierung, Klima und – ganz besonders – Migration viele seiner Leser mit ihren Befürchtungen und Ängsten im Stich lässt. Der Journalist in der Rolle des distanzlosen Missionars – das gab es in dieser Form zuletzt im Kalten Krieg.

 

Zur Einseitigkeit der Interpretation mischt sich heute eine Form von moralischer Deutungshoheit, die mit Rechthaberei viel, mit nüchtern-distanzierter Aufklärung meist wenig zu tun hat. Es ist die Rückkehr der Kampfpresse. Die Süffisanz hat der parteiischen Hysterie Platz gemacht. Abonnenten lassen sich damit kaum zurückholen. Handwerklich guter Journalismus geht anders.

 

Es trifft aber zweifellos zu, dass der Journalismus in früheren Jahrzehnten nicht einfach handwerklich besser war. Vielmehr trifft der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler den Nagel wohl auf den Kopf, wenn er feststellt: "Wir haben auch historisch ein schiefes Bild, wenn wir meinen, in früheren Zeiten hätten hundert Prozent der Bevölkerung es nicht erwarten können, am Morgen die Zeitung zu lesen. Die Artikel waren damals kompliziert verfasst, vollkommen humorlos, eine Art Predigt-Fortsetzung oder -Ersatz. Seither haben sich die Medien nur vervielfältigt durch technologische und ökonomische Entwicklungen." (aus einem Interview Ludwig Haslers mit faktuell.ch)

Christian Fehr