Postfaktische Germanisten

Im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» vom 4.2.2017 wird zum Thema Germanisten und deren Berufsaussichten der Dialog zweier Studienanfängerinnen an der Uni Düsseldorf wiedergegeben. Die beiden schauen an die Wand, an die ein Bild von Heinrich Heines projiziert ist...

«Mädchen 1: Wer ist denn das da?
Mädchen 2: Keine Ahnung.
Mädchen 1: Bestimmt Schiller oder so.
Mädchen 2: Nee. Schiller war Komponist.
Mädchen 1: Echt? Dann ist das so ein Goethe.
Mädchen 2: Wer war das denn noch mal?
Mädchen 1: Keine Ahnung, irgendso’n Toter.»

Der Dialog ist kein Witz, auch keine alternative Tatsache, sondern eine von Dozenten der Uni protokollierte und dokumentierte Unterhaltung.

Na ja, immerhin richten die beiden jungen Geistesgrössen keinen gesellschaftlichen Schaden an. Sie bewegen sich im geschützten Umfeld der Akademie, blättern in «50 Shades of Grey», um sich eine genügende Note in Literaturwissenschaft zu sichern und frönen daneben ihren Hauptinteressen, die da sein dürften: Klamotten, Jungs und Prominenz.

In der Schweiz hingegen könnten die Mädchen auf das gemeine Volk losgelassen werden. Weil wir im Gegensatz zu Deutschland ein ausgezeichnetes duales Bildungssystem haben.

Kleiner Einschub: Das scheinen die Deutschen in Zürich nicht zu wissen. Für ihre Sprösslinge kommen nur Gymnasium und Universität in Frage, was wiederum zum falschen Schluss führen könnte, dass in Zürich überdurchschnittlich viele intelligente Leute leben.

Man stelle sich also vor, eines der besagten Mädchen geht dem tertiären Bildungssektor durch die Lappen, macht eine Lehre als Verkäuferin und steht in der Bäckerei leibhaftig vor einem, wenn man fragt: «Haben Sie Zuger Kirschtorten?»

Und sie antwortet: « Ist das irgendso’n Ding aus Teig oder so?»

Elisabeth Weyermann in www.betrifft.ch