"Generation Golf" neigt zum "Alten-Bashing"

„Die Parteien scheuen bei der AHV selbst kleinste Kürzungen“, schreibt Linus Sch. in einem Kommentar im „Tages-Anzeiger“ unter dem Titel „Geiseln der Demografie“. Die Alten lassen es sich mit AHV und beruflicher Vorsorge gut sein, wälzen die Gesundheitskosten ihrer „Vergreisung“ in erster Linie auf die jungen Prämienzahler ab und – fast am schlimmsten – sind zuverlässigere Wähler als die Jungen und bestimmen damit, was in der Schweiz Sache ist. Ja, und die Alten machen es mit ihrer „Betulichkeitsobsession“ der Schweiz und der aktiven Generation schwer, in der digitalen Ära zu brillieren, vermiesen „die Lust auf Risiko, auf News, auf Innovation“. Kurz: Herr Sch. zeigt die volle Packung, nicht bloss den gestreckten Mittelfinger. Jetzt könnte man sich neugierig fragen, was der Mann wohl geschluckt hat, bevor er sich dieses „Alten-Bashing“ und die Drohung zumutete: „Die Jungen lassen es sich gefallen – noch.“ Viel unterhaltsamer zum besseren Verständnis des Herrn Sch. ist es, zu einem Buch zu greifen, das vor über 15 Jahren die Bestseller- Listen stürmte: „Generation Golf – eine Inspektion“.


 In diesem Buch geht es um die Kinder der «68er», zwischen 1965 und 1975 Geborene, die heute 40- bis 50jährig sind – mithin in einem Alter, in dem sie die obersten Sprossen der Karriereleiter in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erklommen haben. Autor Florian Illies, Jahrgang 1971, einst Feuilletonredaktor und für seine spitze Feder mehrfach ausgezeichneter Preisträger, heute einer von vier Gesellschaftern des Berliner Auktionshauses „Villa Grisebach“, beschreibt wortgewandt karikierend eine Generation, die unbedarft zu leben und zu geniessen versteht, frei nach einem Spruch aus dem Poesiealbum: «Lebe fröhlich, frisch und munter. Wie ein Frosch und geh nicht unter.» Es ist, wenn das Foto im Internet nicht trügt, die Generation des Herrn Sch.

 

Eine Generation, das ist soziologisch betrachtet, die Gesamtheit einer Altersgruppe, die ähnliche kulturelle und soziale Orientierungen, Einstellungen und Verhaltensmuster aufweisen und sich dadurch von anderen Altersgruppen abheben. Die von Illies beschriebene Generation der «Ich-AG»-Menschen kennt drei Basisprodukte: Das Playmobil (Lego-Ersatz), Ikea («Ikea-Kinderparadies ... mit Kugeln gefüllt, durch die man sich stundenlang durchwühlen kann, ohne dass man sich weh tut und ohne dass man irgendwo ankommt. So etwas prägt.») und den VW Golf. 1979 wurde ein Golf Cabrio produziert, dessen dunkelblaue Version Illies als Gründungsautomobil der Generation Golf betrachtet.

 

„Wir lernten alle nicht für die Uni, sondern fürs Leben, unser Hauptfach hiess Karriere.“

Florian Illies

 

Die 80er-Jahre: Die Kinder wuchsen wohlbehütet (im vorgewärmten Kapuzenbademantel vor dem Fernseher, wo’s «Wetten, dass...?» mit Frank Elstner gab), aber öde auf: «Das war die Zeit, als die Gattinnen von Bundespräsidenten anfingen, Stiftungen für unaussprechliche Knochenkrankheiten zu gründen, Familienväter mit kurzen Hosen in Bahnhöfen auf der Lauer lagen, um den ersten durchbrausenden ICE zu fotografieren, Nachrichtensprecher im Radio noch nicht als erstes sagten, wie sie heissen...». Mit einem Wort, es war das Jahrzehnt der «Vorgängergeneration, der ätzenden 68er», die Illies solcherart etikettiert: «Latzhosenträger, BH-lose Frauen, Reinhard Mey, Zigarettenselbstdreher und Liegeradfahrer» – einer Generation, die «an das Gute im Menschen und das Böse im Amerikaner» glaubte.

 

Um den Generationenkonflikt geprellt

 

Dieser ideologisierten Welt traten die Kinder der «68er» mit einem eigenen Erscheinungsbild entgegen – Marke TV-Vorabendserien: «So sehr haben wir diese Haltung inzwischen verinnerlicht, dass wir immer öfter das Gefühl haben, auch unser Leben sei nur eine RTL-Vorabendserie. Wir ziehen uns so an, reden so, und wenn es ganz hart wird, hoffen wir auf die Werbeunterbrechung.» Die Generation Golf, so will es scheinen, funktioniert denn auch wie eine «Daily Soap» und läuft und läuft und läuft, sich «wie die jungen Börsenmakler vor dem handelsfreien Wochenende» nur davor ängstigend, dass einmal nichts läuft und sich Besinnung einschleichen könnte.

 

Und die Jahre gingen ins Land, bis 1997 der Golf IV vorgestellt wurde, den die Generation Golf in ihrer Altersklasse zum bestverkauften Auto machte und wie diese einen leichten Wohlstandsbauch aufwies. Illies: «Vor allem jedoch konnte man mit dem Golf weiterhin Fahrfreude mit Sicherheit verbinden und moderne Ästhetik mit Traditionsbewusstsein.»

 

„Wir kapierten nicht, warum die EG jedes Jahr Unmengen von Tomaten vernichten musste. Wir kapierten schon eher, dass Imelda Marcos, die Witwe des philipinischen Diktators, 576 Paar Schuhe brauchte, um glücklich zu sein.“

Florian Illies

 

Doch blenden wir hier zum besseren Verständnis der Nöte der Illies-Generation eine andere Zeitzeugin ein. Die freie Journalistin Gisa Funck (Jahrgang 1969) schreibt in der «Brigitte» (22/2000): «Für uns Töchter und Söhne der 68er war es schwierig, jung und gleichzeitig anders zu sein: Egal, ob Drogen, Sex oder Politik – die Älteren waren schon vor uns da.» Mit anderen Worten: Die Generation Golf muss damit fertig werden, dass sie ohne Generationenkonflikt aufwuchs. Gisa Funck: «Mit 13 erlaubte mir die Ilse (= meine Mutter) nicht nur ganz selbstverständlich, mit älteren Nachbarjungen Autoscooter zu fahren: Sie steckte mir vorher auch noch eine Kondompackung zu. Mit 14 chauffierte mich der Peter (= mein Vater) nicht nur zu meiner ersten und einzigen Demo ‚für den Frieden’: Er reihte sich auch noch mit mir zusammen in die Menschenschlange ein und sang aus voller Brust ‚We shall overcome’. Und mit 19 sah der Lothar (= mein Schuldirektor) mir nicht nur insgesamt vier Wochen unentschuldigte Fehlstunden vor dem Abi nach: Er drückte mir auf der Abschiedsfeier auch noch konspirativ zwinkernd ein Beutelchen Haschisch in die Hand.»

 

«Fit for Fun» als Zentralorgan

 

Zurück zu Illies und der Befindlichkeit seiner Generation: «Wir haben, obwohl kaum erwachsen, schon jetzt einen merkwürdigen Hang zur Retrospektive...» Sie führt über den Lebensabschnitt Golf Variant («Er sieht aus wie der Golf IV und ist doch ein Kombi, in dem nun auch Platz ist für Kinder, Schlauchboot und Golden Retriever.») zum VW-Sondermodell «Golf Generation» (1999) – der endgültigen Verschmelzung der «Golfer» und der Produktepalette von Volkswagen (technoblaumetallic lackiert, Sportsitze, 16-Zoll-Leichtmetallfelgen, Klimaanlage). Ein Wagen, der zu einer Generation passt, die sich nach der «Konservierung des körperlichen status quo» sehnt und diese Sehnsucht nicht einmal selber zu formulieren braucht, wo doch die junge Frau in der entsprechenden Werbung so schön formuliert: «Zwölf Jahre Garantie gegen Durchrostung. Hätte ich auch gerne.» So etwas wie das Zentralorgan der Generation Golf heisst denn auch folgerichtig: «Fit for Fun». Das Blatt kam 1996 heraus, als die Generation Golf die Schule verliess und, «wie von einer genetischen Programmierung getrieben, die Fitnessstudios und Sonnenstudios zu ihren bevorzugten Aufenthaltsorten erklärte».

 

„Wir glauben, dass die Gesellschaft funktioniert, ohne dass man etwas dafür tun muss, so als hätte man einen ewigen Dauerauftrag aufgegeben.“

Florian Illies

 

Die Generation Golf lässt alles gelten – nur in Stilfragen ist sie intolerant: «Hauptsache, man ist richtig gekleidet, wie es der Kaschmirkanzler und Joschka Fischer auch von Anfang an als zentrales Regierungsprogramm vertreten haben.» Und die politischen Inhalte? Illies räumt ein, dass er und seinesgleichen sich mehr Gedanken über die Anzüge der Politiker als über deren Taten machen, mithin politisch indifferent seien und in Fragen der Politik keine Emotionen kennen. Eine dezidierte Meinung hätten sie nur, «ob man Socken zu Sandalen tragen darf, nicht aber zum Nato-Einsatz in Kosovo». Nur die Flucht Oscar Lafontaines aus allen seinen Ämtern habe auch der Generation Golf einmal so etwas wie eine leidenschaftliche Reaktion entlockt. Sie hiess: Endlich! Illies: «Wahrscheinlich spürten wir, dass mit Lafontaine der letzte Politiker abgetreten war, der noch eine Gesinnung hatte, der noch an Utopien und Ideale glaubte und nicht nur so tat. (...) Sein Abgang bestärkte die Generation Golf in dem Glauben, dass nun auch in der Politik endlich die Zeit der Ideologien und Überzeugungen vorbei ist.»

 

Ethik und Moral der «Golfer»

 

Tja, und was halten Illies und seine Generation davon, etwas zu bewegen? Klar, man könnte sich die Mühe machen, eine neue, eigene Sicht der Welt zu entwickeln. Aber man halte sich lieber an den Zauberwürfel, der einem seinerzeit in den grossen Pausen die Zeit vertrieben habe: «Alles war schön bunt, aber man wusste, dass es für jedes Klötzchen auch das richtige Plätzchen gab.» Die «Love Parade» sei mithin die einzige Demonstration, «zu der unsere narzistische Generation noch in der Lage ist». Nicht ganz, die Generation, der TV-Showmaster Harald Schmidt mit seiner Art Humor als «grosser Erzieher» gilt («Wir können über Polenwitze lachen, ohne gleich an den Polenfeldzug von 1939 denken zu müssen.»), kann sich durchaus auch kollektiv empören – wie Illies am Beispiel eines Streitgesprächs mit seinem Bruder erläutert. Dieser störte sich an den Vorbehalten der rund um die Uhr am Neuen Markt der Frankfurter Börse aktiven Generation Golf gegenüber dem Gesetz, das eine Versteuerung der Spekulationsgewinne vorsah, sofern die Aktien nicht mindestens ein Jahr im Depot belassen würden. Illies: «Er sprach von der Steuermoral. Ich sagte ihm, unsere Generation hätte eine Initiative gegründet, dieses Wort nicht mehr in den neuen Duden aufzunehmen.» Noblesse oblige: «Ätsch, wir haben mehr Golf als ihr.» (Aus der Werbekampagne für den Golf IV)