Der Bundesrat im 19. Jahrhundert: Machtspiele, Intrigen und Tragödien

 

Von 1848 bis 1891 setzte sich der Bundesrat ausschliesslich aus Mitgliedern der

freisinnigen Grossfamilie zusammen. Ideale Voraussetzung für ein gedeihliches,

verantwortungsvolles Schaffen? Nein! Persönliche Spannungen und Fehden

sorgten seit Beginn des Bundesstaates immer mal wieder für Zoff.

Christian Fehr

 

Von Christian Fehr

 

Von 1848 bis 1891 setzte sich der Bundesrat ausschliesslich aus Mitgliedern der freisinnigen Grossfamilie zusammen. Ideale Voraussetzung für ein gedeihliches, verantwortungsvolles Schaffen zum Wohle des Landes und seiner Menschen? Nein, persönliche Spannungen und Fehden sorgten seit Beginn des Bundesstaates immer mal wieder für ein raues Politklima im und um den Bundesrat, das sich auch ohne Boulevardpresse und Infotainment kaum von den heutigen Verhältnissen unterschied.

 

Der Bündner Simeon Bavier (Bundesrat von 1878 bis 1883) berichtete in seinen Memoiren, die Bundesräte hätten sich um 1880 wöchentlich einmal bei einem von ihnen mit ihren Ehefrauen zum gemeinsamen Nachtessen getroffen. Der 1881 in den Bundesrat gewählte Waadtländer Antoine-Louis John Ruchonnet (Bundesrat bis 1893) habe aber die Sitte sabotiert, da er mit Bundesrat Emil Welti (1866 bis 1891) keinen persönlichen Kontakt pflegen wollte. 1858 schrieb der spätere Bundesrat Jakob Dubs (1861 bis 1872) über die Stimmung im Bundesrat:«Es fehlt der einheitliche Geist in diesem Körper.»

 

Dies sollte nach dem Eintritt von Dubs ins Siebner-Gremium nicht besser werden, wie er seinem Tagebuch am 26. Mail 1862 anvertraute: «Es fiel mir ausserordentlich auf, wie sehr er sich dabei sofort erhitzte, wie sein Blick einen forcierten Glanz annahm und um den Mund ein Zug von Gehässigkeit hervortrat, wie ich ihn noch selten in diesem Masse gesehen. Ich sagte meiner Frau zuhause, dieser Mann wird noch überschnappen.» Zu einem solchen Befund kam Dubs aufgrund seiner Beobachtungen während einer Bundesratssitzung und angesprochen war mit seinen Bemerkungen der Berner Jakob Stämpfli (Bundesrat von 1854 bis 1863).

 

Am 16. November 1848 wurde der erste Bundesrat gewählt. Und gleich vom Start stellte im Parlament das grosse Geld die politischen Weichen – genauer: die sogenannten «Bundesbarone» und ihr informeller Kreis unter der Leitung des Zürcher Nationalrats und Eisenbahnkönigs Alfred Escher. Über den Einfluss und die Macht dieses Gremiums schrieb der erwähnte Dubs in sein Tagebuch: Für die ‚Barone’ handelt es sich darum, gefügige Bundesräte zu wählen: Clique- und Coteriewahlen.» Und bereits nach weniger als zwei Jahrzehnten Bundesstaat schätzte Dubs die Folgen dieses Tuns wie folgt ein: «Das parlamentarische Regime mit seinem Coterie- und Coulissenwesen hat unleugbar an crédit bei den Massen eingebüsst, man hört oft genug den Wunsch formulieren, einen von den Coterien der Bundesversammlung zu besitzen. (…) Man sah mit Abscheu die Korruption frech bis in die geheiligten Hallen der Bundesversammlung auftreten.» Hintergrund dieser Dubs-Bemerkung: Die Basler Handelsbank hatte den Bundesräten schamlos Aktien zu Vorzugskonditionen angeboten.

 

Beglückt schreibt die «NZZ», Hoforgan der freisinnigen Grossfamilie, nach der Wahl des ersten Bundesrates: «Dem Prinzip der Repräsentation ist in weitem Umfang Rechnung getragen worden. Alle drei Nationalitäten, die deutsche, die französische und die italienische, sowie beide Konfessionen sind repräsentiert.» Dies änderte freilich nichts daran, dass im freisinnigen Familienhaus Zwietracht statt Eintracht dem Normalzustand entsprach. Jahrzehntelang sorgten erbittert geführte Flügelkämpf für Unfrieden und Zank. Bei den jeweiligen Bestätigungswahlen sahen sich die amtierenden Bundesräte im 19. Jahrhundert in der Regel einer scharfen Konkurrenz aus dem eigenen Lager ausgesetzt. Zwischen 1848 und 1881 fanden anlässlich der elf normalen Bestätigungswahlen in nicht weniger als 21 Fällen Sprengversuche statt. Zweimal wurden wieder kandidierende Bundesräte wie vor einem Jahr Bundesrat Christoph Blocher in die Wüste geschickt: 1854 der Berner Ulrich Ochsenbein (Bundesrat seit 1848), 1872 der Genfer Jacques Challet-Venel (Bundesrat seit 1884).

 

Wie erwähnt, zogen Escher & Co. häufig erfolgreich die Fäden. Bundesratswahlen wurden durchsichtig mit einem politischen Sachgeschäft gekoppelt. Etwa in der nationalrätlichen Kommission, die 1852 die Frage begutachtete, ob sich Staats- oder Privatbau der Eisenbahnen empfehle. Die Kommissionsmehrheit um den Berner Jakob Stämpfli sprach sich für die staatliche Lösung aus, Alfred Escher blieb in der Minderheit. Doch bei der Abstimmung im Plenum sah alles plötzlich anders aus: Die Kommissionsminderheit um Escher siegte mit deutlichen 58 gegen 22 Stimmen, und zwar ohne dass ein Vertreter der Kommissionsmehrheit für ihren Antrag eingetreten wäre… Solches Stillhalten zahlte sich für Stämpfli rasch aus: 1854 gelang es ihm mit Eschers Unterstützung, seinen früheren Freund und Kampfgefährten (im Freischarenzug gegen die Sonderbündler) Ochsenbein aus dem Bundesrat zu kippen, ein Heisssporn durfte von Eschers Gnaden einen anderen ersetzen.

 

Aus dem Bundesrat im sechsten Wahlgang abgewählt, sah sich Ochsenbein aus dem öffentlichen Leben seines Vaterlandes herausgedrängt. Er, der als Chef des Eidgenössischen Militärdepartementes die «Söldnerei» immer wieder heftig kritisiert hatte, wechselte nur Wochen nach seinem unfreiwilligen Abgang aus der Landesregierung in französische Militärdienste: Der ehemalige Bundespräsident wurde zunächst unter Kaiser Napoleon III. Brigadegeneral. Nach dem Sturz von Napoleon zeigte er sich auch politisch anpassungsfähig: Ochsenbein wurde Divisionsgeneral der Dritten Republik unter Leon Gambetta (1870). Später, wieder in die Heimat zurückgekehrt, erlebt der schweizerische Franzosengeneral den grössten Schicksalsschlag seines Lebens: Bei seinem Hobby, der Jagd, erschiesst Ochsenbein versehentlich seine eigene Frau.

 

Der «Fall Ochsenbein» wirft ein Licht auf die damalige finanzielle Situation eines Ex-Bundesrates, seine Abhängigkeit vom Gelderwerb nach freiwilligem oder unfreiwilligem Abgang. Wer in der Eidgenossenschaft Bundesrat wurde, begab sich nicht auf goldenen Boden. Zum einen war die Besoldung knapp bemessen, zum andern sah der Staat bis 1919 für Bundesräte keine Pension vor.

 

Ja, das liebe Geld: Noch ehe der erste Bundesrat bestellt werden konnte, musste das eidgenössische Parlament die Honorierung seiner künftigen Landesväter regeln. Der Nationalrat einigte sich auf eine Jahresbesoldung von 5000 Franken. Im Ständerat gab dieser nationalrätliche Antrag Anlass zu einer hitzigen Debatte. Der Genfer James Fazy fand das Gehalt eindeutig zu niedrig. Er beantragte das Doppelte. Doch Fazys Ansinnen kam im Ständerat gar nicht gut an. Der Thurgauer Standesherr Karl Kappeler, der sich gar für weniger als 5000 Franken stark machte, erinnerte zum einen daran, dass der nationalrätliche Gehaltsvorschlag ziemlich genau das Doppelte des Gehalts eines kantonalen Regierungsrates ausmache. Und er erklärte zum andern wörtlich: «In der Schweiz ist man nicht geneigt, den Beamten eine glänzende äussere Existenz zu verschaffen. Sie müssen ihren Lohn vielmehr in dem Bewusstsein finden, für das Vaterland gewirkt zu haben.» Der Glarner Standesherr Johann Jakob Blumer pflichtete dem Kollegen Kappeler überzeugt bei;: «In Glarus, wo man von der Demokratie auch etwas versteht, hält man sich an den Grundsatz, die Beamten nicht zu bereichern – ein rechtschaffener Mann wird mit 5000 Franken Besoldung der Bestechung ebenso unzugänglich sein wie mit 10 000 Franken.» Die grosse Mehrheit der Ständeräte wollte sich aber nicht allzu kleinlich zeigen und fand, dass eine schlechte Besoldung zu einer Demokratie nicht passe, sondern vielmehr eine Geldaristokratie begründe. Mit 33 gegen 8 Stimmen pflichtete der Ständerat dem Nationalrat bei, die bundesrätliche Jahresbesoldung auf 5000 Franken festzusetzen.

 

Mangels Pension blieben den Bundesräten zwei Möglichkeiten: über Gebühr lange an ihren Sesseln zu kleben oder rechtzeitig nach einer neuen Existenz für die Zeit danach Ausschau zu halten. So oder so – für Vorwürfe und Spott war eh gesorgt. Als zum Beispiel Bundesrat Stämpfli 1863, gerade 43jährig, der Landesregierung den Rücken kehrte, um an die Spitze einer mit französischem Geld zu gründenden Eidgenössischen Bank zu treten, musste er mit einer öffentlichen Erklärung der Kritik entgegentreten. Detailliert gab der scheidende Magistrat den Landsleuten seine existentiellen Sorgen preis: «Meine Besoldung war später grösser, aber auch meine Familie. Ich zehrte auf, was ich verdiente, so dass ich zur Stunde noch in meinen ökonomischen Verhältnissen sozusagen auf nichts reduziert bin.» und: «Es tut mir weh, von meinem bisherigen, für mich sehr ehrenvollen und angenehmen Geschäftskreise scheiden zu müssen, aber ich kann nicht anders.»

 

Der Wechsel vom Bundesrat aufs glitschige Parkett des gewöhnlichen Erwerbslebens gelang nicht allen nach Wunsch. Constant Fornerod (Bundesrat von 1855 bis 1867) steht für die tragischste Karrierenfortsetzung aller Bundesräte bis heute. Er hätte es, wird berichtet, auf den Lehrstühlen des französischen Sprachgebietes zu Ansehen bringen können. Doch er entschloss sich, im Alter von 36 Jahren Bundesrat zu werden. Nach 12 Jahren war sein Machthunger gestillt, Fornerod verfasste sein Rücktrittsschreiben: «Der republikanische Magistrat muss seinen Wanderstab beständig in der Hand, sein Testament immer fertig haben. Er muss sich hüten, an seine Stelle sich anzuklammern.» Schrieb’s und ging zunächst nach Genf, um sich dort an verschiedenen finanziellen Unternehmungen zu beteiligen, vor allem an der Bank Crédit Suisse Foncier, deren Leitung er übernahm. Er verschob den Banksitz von Genf nach Paris und verspekulierte sich. 1872 hatte er unter der Anklage des Betrugs vor den Schranken des Pariser Zuchtpolizeigerichtes zu erscheinen. Er stellte sich dem Gericht vor: «Constant Fornerod, ancien président de la Confédération suisse.» Fornerod hatte es in seiner Bundesratslaufbahn dreimal zum Bundespräsidium gebracht. Doch das half ihm jetzt nichts: Er wurde zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt – das genaue Strafmass vermeldete keine Schweizer Zeitung.

 

Fortan war Fornerod der Bannstrahl der Verachtung durch seine Landsleute sicher. Er musste nach der Verbüssung der Strafe froh sein, dass er bei der Jura-Simplon-Gesellschaft einen kleinen Bürolistenposten erhielt. Als er, 80jährig, starb, schrieb die «Gazette de Lausanne»: «Einer derjenigen, die ihm am meisten Mitleid bewiesen, ist der Oberst Paul Cérésole, sein Nachnachfolger als Waadtländer im Bundesrat (von 1870 bis 1875). Bei diesem seinem ehemaligen politischen Gegner haben wir Herrn Fornerod bisweilen getroffen, alt und gebrochen, aber immer noch lebendigen Geistes. Er hatte in grossen Ereignissen eine Rolle gespielt, hatte viele Menschen und Dinge gesehen und wusste angenehm und ohne Bitterkeit zu erzählen, als ein von der Höhe heruntergestiegener Mann.» Andere berichteten, dass er auch seine untergeordnete Bürolistenstelle noch verlor, als seine Vergangenheit der Gesellschaft lästig wurde. Der ehemalige Staatsmann soll fortan im Bahnhof von Bern waadtländischen Weinbauern aufgelauert haben, um diese zu den etablierten Wirten der Bundesstadt zu locken (Verdienst eins von den Wirten) und bei den Weinverkaufsverhandlungen zu dolmetschen (Verdienst zwei von den Weinbauern).

 

Grosszügigkeit der Eidgenossenschaft wird im 19. Jahrhundert nur einem Bundesrat beziehungsweise seiner Familie zuteil: dem Tessiner Bundesrat Stefano Franscini (Bundesrat 1848 bis 1857), Vater der schweizerischen Statistik. Die eidgenössischen Parlamentarier zeigten ein grosses Herz und vermachten der finanziell darbenden Familie nach Franscinis Tod im Amt 40 000 Franken – acht Jahresgehälter. Um zu verhindern, dass falsche Gelüste aufkeimten, tarnte das Parlament diese Geste nachträglich als «Ankauf der statistischen Materialien und des literarischen Nachlasses von Bundesrat Franscini sel.»

 

Der Name Franscini steht auch für eine Première anderer Art: Zu seiner Zeit waren für die Mitglieder des Bundesrates noch die sogenannten «Komplimentswahlen» üblich. Die Mitglieder des Bundesrates mussten bei den damals alle drei Jahre stattfindenden Nationalratswahlen auch als Mitglieder des Nationalrates bestätigt werden. Wurden sie bestätigt, hatten sie ihr Nationalratsmandat nach erfolgreicher Wiederwahl in den Bundesrat sofort niederzulegen. 1854 wurde Franscini von seinen Tessiner Parteifreunden nicht mehr aufgestellt, sein Rauswurf aus dem Bundesrat war damit vorprogrammiert. Da nahmen sich ihm die Schaffhauser Parteifreunde - der Kanton Schaffhausen hat bis heute keinen eigenen Bundesrat gestellt – in selbstloser freundeidgenössischer Solidarität an. Franscini wurde im Kanton Schaffhausen in den Nationalrat gewählt und seine Wiederwahl in den Bundesrat dadurch abgesichert. In gleicher Art sind dem in der Waadt nicht mehr aufgestellten Bundesrat Paul Cérésole (Bundesrat von 1870 bis 1875) die Berner Oberländer erfolgreich zu Hilfe gekommen.

 

Wer an seinem Bundesratssitz allzu lang festhalten wollte, hatte vor der jeweiligen Wiederwahl nervenaufreibende Tage zu erleben - wie zum Beispiel der St. Galler Bundesrat Wilhelm Matthias Naeff (Bundesrat von 1848 bis 1875). Forsche Pressekommentare signalisierten im Vorfeld die Stimmung, wie im «Fall Naeff» am 16. November 1872 etwa die «Neuen Glarner Nachrichten»: «Von Herrn Naeff erwartet man, dass er sich eine Wiederwahl verbeten wird. Sein früherer Aargauer Kollege Friedrich Frey-Herosé (Bundesrat von 1848 bis 1866) hat ihm ein Beispiel hinterlassen, wie man in einem Kasus, wie der vorliegende ist, seine magistrale Würde wahren und dabei den Freunden eine Verlegenheit ersparen kann.» Naeff zeigte keine Nachsicht und blieb weitere drei Jahre, obschon die Vereinigte Bundesversammlung längst ein Zeichen gesetzt hatte, indem sie ihn in seiner 27 Jahre dauernden Bundesratszeit nur einmal zum Bundespräsidenten wählte.

 

Mit Häme und Spott wurden Bundesräte im 19. Jahrhundert ohnehin gern und fleissig eingedeckt. So belastete den Berner Bundesrat Jakob Stämpfli jahrelang ein besonders peinliches Gerücht. Ob wahr oder nicht - seine Gegner kolportierten mit Inbrunst die Geschichte, dass sich Stämpfli 1845 beim unglücklichen Freischarenzug gegen die Sonderbündler in Luzern in Frauenkleidern heimlich aus dem Staub gemacht habe. Gemeiner konnte man das öffentliche Ansehen des Chefs des Militärdepartementes nicht diskreditieren.

 

Auch das gab’s: Die Vereinigte Bundesversammlung wählte 1855 bei einer Ersatzwahl einen Mann in den Bundesrat, der weder auf kantonaler noch auf nationaler Ebene ein politisches Mandat hatte: den Basler Oberst J.J. Stehlin. Er wurde im vierten Wahlgang gewählt und lehnte die Wahl tags darauf dankend ab, getreu einer Bemerkung, die dem Basler «Daig» zugeschrieben wird: «Jo, wisse Sie, mir sind halt nit so ambiziees.». In Wahrheit zog es der «Daig» vor, im Hintergrund die Fäden zu ziehen.

 

Die Schmach einer Abwahl überschattete im 19. Jahrhundert neben dem bereits erwähnten Ochsenbein auch die Karriere des Genfer Bundesrats Jacques Challet-Venel (Bundesrat von 1864 bis 1872). Er war freilich bereits nur wegen eines politischen Ränkespiels überhaupt erst Bundesrat geworden: Sein Genfer Parteifreund James Fazy hatte ihn erfolgreich lanciert, um ihn im Genfer Regierungsrat beerben zu können, aus dem ihn Challet-Venel 1862 verdrängt hatte. Allein, Fazy, der aus Genf ein «zweites Paris» machen wollte und dabei die Finanzen in Schieflage brachte, machte die Rechnung ohne den Wirt: Er scheiterte bei der Ersatzwahl für Challet-Venel kläglich. Aber auch Challet-Venel sollte mit seiner Wahl in den Bundesrat nicht glücklich werden. Bereits 1866 war sein Sitz im Bundesrat zum ersten Mal gefährdet. Denn bei den Nationalratswahlen versagten ihm die Genfer die Wiederwahl und der stattdessen gewählte Nebenbuhler Campério versuchte, Challet-Venel auch aus dem Bundesrat zu verdrängen. Erst nach dem dritten Wahlgang verzichtete er zugunsten des bisherigen Genfer Bundesrats. 1872 kam dann Challet-Venels endgültiges «Aus». Er wurde abgewählt, angeblich, weil er sich bei der Revision der Bundesverfassung nur für eine Teilrevision, nicht aber für eine Totalrevision engagiert hatte. Challet-Venel wurde danach Direktor der Genfer Lagerhäuser, etwas Besseres war gerade nicht frei. Denn an sich gab es für Ex-Bundesräte inzwischen so etwas wie ein soziales Auffangnetz: Jobs bei verschiedenen internationalen Organisationen, die in der Schweiz Büros eröffnet hatten.

 

Finanzielle Tragödien wie in früheren Jahren konnten so abgewandt werden, menschliche nicht: Der Thurgauer Bundesrat Fridolin Anderwert (Bundesrat von 1876 bis 1880), der in seinen politischen Drangjahren mit seinen Gegner selber unzimperlich oft umging, zog den Tod der politischen Hetze vor. Am Weihnachtstag 1880 hielt sich der designierte Bundespräsident für 1881 auf einer Bank der Kleinen Schanze in Bern den Pistolenlauf in den Mund und drückte ab. Anderwert hinterliess einen Abschiedsbrief, in dem er erklärte, das Motiv seines Selbstmordes liege in den systematischen Verleumdungen seiner Person in der Presse begründet. Er könne deren Kampagnen gegen ihn nicht länger ertragen. Namentlich in der Ostschweizer Presse wurde der den Sitten der Zeit zuwiderlaufende, ausschweifende Lebenswandel des Junggesellen Anderwert genüsslich ausgeschlachtet. Politisch warfen ihm seine früheren Freunde vor, dass er, Bundesrat geworden, seine früheren «Grundsätze» verleugne.

 

In der «Thurgauer Zeitung» schrieb Chefredaktor Jakob Huber nach Anderwerts tragischem Ende: «Um das Bewusstsein, einen Mann in der Vollkraft seiner Jahre durch systematische Verleumdung in den Tod gejagt zu haben, und dadurch nicht bloss auf das Haupt des Mannes, sondern auf das ganze Vaterland, an dessen Spitze er zu treten berufen war, Schmach und Schande gehäuft zu haben, ist wahrlich niemand zu beneiden. Der Tod Anderwerts bezeichnet ein schwarzes Blatt in der Geschichte der schweizerischen Journalistik, und noch spätere Generationen werden vor Schmerz und Scham erröten, wenn sie dieses Blatt aufschlagen.» Und der Schweizer Korrespondent der Pariser Zeitung «Le Temps» schrieb: «Durch die radikale Partei in den Bundesrat gekommen, hat Anderwert das Schicksal erfahren, dem bisher ohne irgendwelche Ausnahme keiner entgangen ist, der durch diese Partei hochgetragen worden ist. Kaum ins Amt getreten, wurde er beschuldigt, seine Prinzipien und die Sache verleugnet zu haben, für die er bis dahin gekämpft habe»

 

(Zusammengefasst aus «Heil Dir Helvetia – Die Freude an der Macht», Edition Gutenberg, 1984, herausgegeben von Christian Fehr).

 

Von Christian Fehr

 

Von 1848 bis 1891 setzte sich der Bundesrat ausschliesslich aus Mitgliedern der freisinnigen Grossfamilie zusammen. Ideale Voraussetzung für ein gedeihliches, verantwortungsvolles Schaffen zum Wohle des Landes und seiner Menschen? Nein, persönliche Spannungen und Fehden sorgten seit Beginn des Bundesstaates immer mal wieder für ein raues Politklima im und um den Bundesrat, das sich auch ohne Boulevardpresse und Infotainment kaum von den heutigen Verhältnissen unterschied.

 

Der Bündner Simeon Bavier (Bundesrat von 1878 bis 1883) berichtete in seinen Memoiren, die Bundesräte hätten sich um 1880 wöchentlich einmal bei einem von ihnen mit ihren Ehefrauen zum gemeinsamen Nachtessen getroffen. Der 1881 in den Bundesrat gewählte Waadtländer Antoine-Louis John Ruchonnet (Bundesrat bis 1893) habe aber die Sitte sabotiert, da er mit Bundesrat Emil Welti (1866 bis 1891) keinen persönlichen Kontakt pflegen wollte. 1858 schrieb der spätere Bundesrat Jakob Dubs (1861 bis 1872) über die Stimmung im Bundesrat:«Es fehlt der einheitliche Geist in diesem Körper.»

 

Dies sollte nach dem Eintritt von Dubs ins Siebner-Gremium nicht besser werden, wie er seinem Tagebuch am 26. Mail 1862 anvertraute: «Es fiel mir ausserordentlich auf, wie sehr er sich dabei sofort erhitzte, wie sein Blick einen forcierten Glanz annahm und um den Mund ein Zug von Gehässigkeit hervortrat, wie ich ihn noch selten in diesem Masse gesehen. Ich sagte meiner Frau zuhause, dieser Mann wird noch überschnappen.» Zu einem solchen Befund kam Dubs aufgrund seiner Beobachtungen während einer Bundesratssitzung und angesprochen war mit seinen Bemerkungen der Berner Jakob Stämpfli (Bundesrat von 1854 bis 1863).

 

Am 16. November 1848 wurde der erste Bundesrat gewählt. Und gleich vom Start stellte im Parlament das grosse Geld die politischen Weichen – genauer: die sogenannten «Bundesbarone» und ihr informeller Kreis unter der Leitung des Zürcher Nationalrats und Eisenbahnkönigs Alfred Escher. Über den Einfluss und die Macht dieses Gremiums schrieb der erwähnte Dubs in sein Tagebuch: Für die ‚Barone’ handelt es sich darum, gefügige Bundesräte zu wählen: Clique- und Coteriewahlen.» Und bereits nach weniger als zwei Jahrzehnten Bundesstaat schätzte Dubs die Folgen dieses Tuns wie folgt ein: «Das parlamentarische Regime mit seinem Coterie- und Coulissenwesen hat unleugbar an crédit bei den Massen eingebüsst, man hört oft genug den Wunsch formulieren, einen von den Coterien der Bundesversammlung zu besitzen. (…) Man sah mit Abscheu die Korruption frech bis in die geheiligten Hallen der Bundesversammlung auftreten.» Hintergrund dieser Dubs-Bemerkung: Die Basler Handelsbank hatte den Bundesräten schamlos Aktien zu Vorzugskonditionen angeboten.

 

Beglückt schreibt die «NZZ», Hoforgan der freisinnigen Grossfamilie, nach der Wahl des ersten Bundesrates: «Dem Prinzip der Repräsentation ist in weitem Umfang Rechnung getragen worden. Alle drei Nationalitäten, die deutsche, die französische und die italienische, sowie beide Konfessionen sind repräsentiert.» Dies änderte freilich nichts daran, dass im freisinnigen Familienhaus Zwietracht statt Eintracht dem Normalzustand entsprach. Jahrzehntelang sorgten erbittert geführte Flügelkämpf für Unfrieden und Zank. Bei den jeweiligen Bestätigungswahlen sahen sich die amtierenden Bundesräte im 19. Jahrhundert in der Regel einer scharfen Konkurrenz aus dem eigenen Lager ausgesetzt. Zwischen 1848 und 1881 fanden anlässlich der elf normalen Bestätigungswahlen in nicht weniger als 21 Fällen Sprengversuche statt. Zweimal wurden wieder kandidierende Bundesräte wie vor einem Jahr Bundesrat Christoph Blocher in die Wüste geschickt: 1854 der Berner Ulrich Ochsenbein (Bundesrat seit 1848), 1872 der Genfer Jacques Challet-Venel (Bundesrat seit 1884).

 

Wie erwähnt, zogen Escher & Co. häufig erfolgreich die Fäden. Bundesratswahlen wurden durchsichtig mit einem politischen Sachgeschäft gekoppelt. Etwa in der nationalrätlichen Kommission, die 1852 die Frage begutachtete, ob sich Staats- oder Privatbau der Eisenbahnen empfehle. Die Kommissionsmehrheit um den Berner Jakob Stämpfli sprach sich für die staatliche Lösung aus, Alfred Escher blieb in der Minderheit. Doch bei der Abstimmung im Plenum sah alles plötzlich anders aus: Die Kommissionsminderheit um Escher siegte mit deutlichen 58 gegen 22 Stimmen, und zwar ohne dass ein Vertreter der Kommissionsmehrheit für ihren Antrag eingetreten wäre… Solches Stillhalten zahlte sich für Stämpfli rasch aus: 1854 gelang es ihm mit Eschers Unterstützung, seinen früheren Freund und Kampfgefährten (im Freischarenzug gegen die Sonderbündler) Ochsenbein aus dem Bundesrat zu kippen, ein Heisssporn durfte von Eschers Gnaden einen anderen ersetzen.

 

Aus dem Bundesrat im sechsten Wahlgang abgewählt, sah sich Ochsenbein aus dem öffentlichen Leben seines Vaterlandes herausgedrängt. Er, der als Chef des Eidgenössischen Militärdepartementes die «Söldnerei» immer wieder heftig kritisiert hatte, wechselte nur Wochen nach seinem unfreiwilligen Abgang aus der Landesregierung in französische Militärdienste: Der ehemalige Bundespräsident wurde zunächst unter Kaiser Napoleon III. Brigadegeneral. Nach dem Sturz von Napoleon zeigte er sich auch politisch anpassungsfähig: Ochsenbein wurde Divisionsgeneral der Dritten Republik unter Leon Gambetta (1870). Später, wieder in die Heimat zurückgekehrt, erlebt der schweizerische Franzosengeneral den grössten Schicksalsschlag seines Lebens: Bei seinem Hobby, der Jagd, erschiesst Ochsenbein versehentlich seine eigene Frau.

 

Der «Fall Ochsenbein» wirft ein Licht auf die damalige finanzielle Situation eines Ex-Bundesrates, seine Abhängigkeit vom Gelderwerb nach freiwilligem oder unfreiwilligem Abgang. Wer in der Eidgenossenschaft Bundesrat wurde, begab sich nicht auf goldenen Boden. Zum einen war die Besoldung knapp bemessen, zum andern sah der Staat bis 1919 für Bundesräte keine Pension vor.

 

Ja, das liebe Geld: Noch ehe der erste Bundesrat bestellt werden konnte, musste das eidgenössische Parlament die Honorierung seiner künftigen Landesväter regeln. Der Nationalrat einigte sich auf eine Jahresbesoldung von 5000 Franken. Im Ständerat gab dieser nationalrätliche Antrag Anlass zu einer hitzigen Debatte. Der Genfer James Fazy fand das Gehalt eindeutig zu niedrig. Er beantragte das Doppelte. Doch Fazys Ansinnen kam im Ständerat gar nicht gut an. Der Thurgauer Standesherr Karl Kappeler, der sich gar für weniger als 5000 Franken stark machte, erinnerte zum einen daran, dass der nationalrätliche Gehaltsvorschlag ziemlich genau das Doppelte des Gehalts eines kantonalen Regierungsrates ausmache. Und er erklärte zum andern wörtlich: «In der Schweiz ist man nicht geneigt, den Beamten eine glänzende äussere Existenz zu verschaffen. Sie müssen ihren Lohn vielmehr in dem Bewusstsein finden, für das Vaterland gewirkt zu haben.» Der Glarner Standesherr Johann Jakob Blumer pflichtete dem Kollegen Kappeler überzeugt bei;: «In Glarus, wo man von der Demokratie auch etwas versteht, hält man sich an den Grundsatz, die Beamten nicht zu bereichern – ein rechtschaffener Mann wird mit 5000 Franken Besoldung der Bestechung ebenso unzugänglich sein wie mit 10 000 Franken.» Die grosse Mehrheit der Ständeräte wollte sich aber nicht allzu kleinlich zeigen und fand, dass eine schlechte Besoldung zu einer Demokratie nicht passe, sondern vielmehr eine Geldaristokratie begründe. Mit 33 gegen 8 Stimmen pflichtete der Ständerat dem Nationalrat bei, die bundesrätliche Jahresbesoldung auf 5000 Franken festzusetzen.

 

Mangels Pension blieben den Bundesräten zwei Möglichkeiten: über Gebühr lange an ihren Sesseln zu kleben oder rechtzeitig nach einer neuen Existenz für die Zeit danach Ausschau zu halten. So oder so – für Vorwürfe und Spott war eh gesorgt. Als zum Beispiel Bundesrat Stämpfli 1863, gerade 43jährig, der Landesregierung den Rücken kehrte, um an die Spitze einer mit französischem Geld zu gründenden Eidgenössischen Bank zu treten, musste er mit einer öffentlichen Erklärung der Kritik entgegentreten. Detailliert gab der scheidende Magistrat den Landsleuten seine existentiellen Sorgen preis: «Meine Besoldung war später grösser, aber auch meine Familie. Ich zehrte auf, was ich verdiente, so dass ich zur Stunde noch in meinen ökonomischen Verhältnissen sozusagen auf nichts reduziert bin.» und: «Es tut mir weh, von meinem bisherigen, für mich sehr ehrenvollen und angenehmen Geschäftskreise scheiden zu müssen, aber ich kann nicht anders.»

 

Der Wechsel vom Bundesrat aufs glitschige Parkett des gewöhnlichen Erwerbslebens gelang nicht allen nach Wunsch. Constant Fornerod (Bundesrat von 1855 bis 1867) steht für die tragischste Karrierenfortsetzung aller Bundesräte bis heute. Er hätte es, wird berichtet, auf den Lehrstühlen des französischen Sprachgebietes zu Ansehen bringen können. Doch er entschloss sich, im Alter von 36 Jahren Bundesrat zu werden. Nach 12 Jahren war sein Machthunger gestillt, Fornerod verfasste sein Rücktrittsschreiben: «Der republikanische Magistrat muss seinen Wanderstab beständig in der Hand, sein Testament immer fertig haben. Er muss sich hüten, an seine Stelle sich anzuklammern.» Schrieb’s und ging zunächst nach Genf, um sich dort an verschiedenen finanziellen Unternehmungen zu beteiligen, vor allem an der Bank Crédit Suisse Foncier, deren Leitung er übernahm. Er verschob den Banksitz von Genf nach Paris und verspekulierte sich. 1872 hatte er unter der Anklage des Betrugs vor den Schranken des Pariser Zuchtpolizeigerichtes zu erscheinen. Er stellte sich dem Gericht vor: «Constant Fornerod, ancien président de la Confédération suisse.» Fornerod hatte es in seiner Bundesratslaufbahn dreimal zum Bundespräsidium gebracht. Doch das half ihm jetzt nichts: Er wurde zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt – das genaue Strafmass vermeldete keine Schweizer Zeitung.

 

Fortan war Fornerod der Bannstrahl der Verachtung durch seine Landsleute sicher. Er musste nach der Verbüssung der Strafe froh sein, dass er bei der Jura-Simplon-Gesellschaft einen kleinen Bürolistenposten erhielt. Als er, 80jährig, starb, schrieb die «Gazette de Lausanne»: «Einer derjenigen, die ihm am meisten Mitleid bewiesen, ist der Oberst Paul Cérésole, sein Nachnachfolger als Waadtländer im Bundesrat (von 1870 bis 1875). Bei diesem seinem ehemaligen politischen Gegner haben wir Herrn Fornerod bisweilen getroffen, alt und gebrochen, aber immer noch lebendigen Geistes. Er hatte in grossen Ereignissen eine Rolle gespielt, hatte viele Menschen und Dinge gesehen und wusste angenehm und ohne Bitterkeit zu erzählen, als ein von der Höhe heruntergestiegener Mann.» Andere berichteten, dass er auch seine untergeordnete Bürolistenstelle noch verlor, als seine Vergangenheit der Gesellschaft lästig wurde. Der ehemalige Staatsmann soll fortan im Bahnhof von Bern waadtländischen Weinbauern aufgelauert haben, um diese zu den etablierten Wirten der Bundesstadt zu locken (Verdienst eins von den Wirten) und bei den Weinverkaufsverhandlungen zu dolmetschen (Verdienst zwei von den Weinbauern).

 

Grosszügigkeit der Eidgenossenschaft wird im 19. Jahrhundert nur einem Bundesrat beziehungsweise seiner Familie zuteil: dem Tessiner Bundesrat Stefano Franscini (Bundesrat 1848 bis 1857), Vater der schweizerischen Statistik. Die eidgenössischen Parlamentarier zeigten ein grosses Herz und vermachten der finanziell darbenden Familie nach Franscinis Tod im Amt 40 000 Franken – acht Jahresgehälter. Um zu verhindern, dass falsche Gelüste aufkeimten, tarnte das Parlament diese Geste nachträglich als «Ankauf der statistischen Materialien und des literarischen Nachlasses von Bundesrat Franscini sel.»

 

Der Name Franscini steht auch für eine Première anderer Art: Zu seiner Zeit waren für die Mitglieder des Bundesrates noch die sogenannten «Komplimentswahlen» üblich. Die Mitglieder des Bundesrates mussten bei den damals alle drei Jahre stattfindenden Nationalratswahlen auch als Mitglieder des Nationalrates bestätigt werden. Wurden sie bestätigt, hatten sie ihr Nationalratsmandat nach erfolgreicher Wiederwahl in den Bundesrat sofort niederzulegen. 1854 wurde Franscini von seinen Tessiner Parteifreunden nicht mehr aufgestellt, sein Rauswurf aus dem Bundesrat war damit vorprogrammiert. Da nahmen sich ihm die Schaffhauser Parteifreunde - der Kanton Schaffhausen hat bis heute keinen eigenen Bundesrat gestellt – in selbstloser freundeidgenössischer Solidarität an. Franscini wurde im Kanton Schaffhausen in den Nationalrat gewählt und seine Wiederwahl in den Bundesrat dadurch abgesichert. In gleicher Art sind dem in der Waadt nicht mehr aufgestellten Bundesrat Paul Cérésole (Bundesrat von 1870 bis 1875) die Berner Oberländer erfolgreich zu Hilfe gekommen.

 

Wer an seinem Bundesratssitz allzu lang festhalten wollte, hatte vor der jeweiligen Wiederwahl nervenaufreibende Tage zu erleben - wie zum Beispiel der St. Galler Bundesrat Wilhelm Matthias Naeff (Bundesrat von 1848 bis 1875). Forsche Pressekommentare signalisierten im Vorfeld die Stimmung, wie im «Fall Naeff» am 16. November 1872 etwa die «Neuen Glarner Nachrichten»: «Von Herrn Naeff erwartet man, dass er sich eine Wiederwahl verbeten wird. Sein früherer Aargauer Kollege Friedrich Frey-Herosé (Bundesrat von 1848 bis 1866) hat ihm ein Beispiel hinterlassen, wie man in einem Kasus, wie der vorliegende ist, seine magistrale Würde wahren und dabei den Freunden eine Verlegenheit ersparen kann.» Naeff zeigte keine Nachsicht und blieb weitere drei Jahre, obschon die Vereinigte Bundesversammlung längst ein Zeichen gesetzt hatte, indem sie ihn in seiner 27 Jahre dauernden Bundesratszeit nur einmal zum Bundespräsidenten wählte.

 

Mit Häme und Spott wurden Bundesräte im 19. Jahrhundert ohnehin gern und fleissig eingedeckt. So belastete den Berner Bundesrat Jakob Stämpfli jahrelang ein besonders peinliches Gerücht. Ob wahr oder nicht - seine Gegner kolportierten mit Inbrunst die Geschichte, dass sich Stämpfli 1845 beim unglücklichen Freischarenzug gegen die Sonderbündler in Luzern in Frauenkleidern heimlich aus dem Staub gemacht habe. Gemeiner konnte man das öffentliche Ansehen des Chefs des Militärdepartementes nicht diskreditieren.

 

Auch das gab’s: Die Vereinigte Bundesversammlung wählte 1855 bei einer Ersatzwahl einen Mann in den Bundesrat, der weder auf kantonaler noch auf nationaler Ebene ein politisches Mandat hatte: den Basler Oberst J.J. Stehlin. Er wurde im vierten Wahlgang gewählt und lehnte die Wahl tags darauf dankend ab, getreu einer Bemerkung, die dem Basler «Daig» zugeschrieben wird: «Jo, wisse Sie, mir sind halt nit so ambiziees.». In Wahrheit zog es der «Daig» vor, im Hintergrund die Fäden zu ziehen.

 

Die Schmach einer Abwahl überschattete im 19. Jahrhundert neben dem bereits erwähnten Ochsenbein auch die Karriere des Genfer Bundesrats Jacques Challet-Venel (Bundesrat von 1864 bis 1872). Er war freilich bereits nur wegen eines politischen Ränkespiels überhaupt erst Bundesrat geworden: Sein Genfer Parteifreund James Fazy hatte ihn erfolgreich lanciert, um ihn im Genfer Regierungsrat beerben zu können, aus dem ihn Challet-Venel 1862 verdrängt hatte. Allein, Fazy, der aus Genf ein «zweites Paris» machen wollte und dabei die Finanzen in Schieflage brachte, machte die Rechnung ohne den Wirt: Er scheiterte bei der Ersatzwahl für Challet-Venel kläglich. Aber auch Challet-Venel sollte mit seiner Wahl in den Bundesrat nicht glücklich werden. Bereits 1866 war sein Sitz im Bundesrat zum ersten Mal gefährdet. Denn bei den Nationalratswahlen versagten ihm die Genfer die Wiederwahl und der stattdessen gewählte Nebenbuhler Campério versuchte, Challet-Venel auch aus dem Bundesrat zu verdrängen. Erst nach dem dritten Wahlgang verzichtete er zugunsten des bisherigen Genfer Bundesrats. 1872 kam dann Challet-Venels endgültiges «Aus». Er wurde abgewählt, angeblich, weil er sich bei der Revision der Bundesverfassung nur für eine Teilrevision, nicht aber für eine Totalrevision engagiert hatte. Challet-Venel wurde danach Direktor der Genfer Lagerhäuser, etwas Besseres war gerade nicht frei. Denn an sich gab es für Ex-Bundesräte inzwischen so etwas wie ein soziales Auffangnetz: Jobs bei verschiedenen internationalen Organisationen, die in der Schweiz Büros eröffnet hatten.

 

Finanzielle Tragödien wie in früheren Jahren konnten so abgewandt werden, menschliche nicht: Der Thurgauer Bundesrat Fridolin Anderwert (Bundesrat von 1876 bis 1880), der in seinen politischen Drangjahren mit seinen Gegner selber unzimperlich oft umging, zog den Tod der politischen Hetze vor. Am Weihnachtstag 1880 hielt sich der designierte Bundespräsident für 1881 auf einer Bank der Kleinen Schanze in Bern den Pistolenlauf in den Mund und drückte ab. Anderwert hinterliess einen Abschiedsbrief, in dem er erklärte, das Motiv seines Selbstmordes liege in den systematischen Verleumdungen seiner Person in der Presse begründet. Er könne deren Kampagnen gegen ihn nicht länger ertragen. Namentlich in der Ostschweizer Presse wurde der den Sitten der Zeit zuwiderlaufende, ausschweifende Lebenswandel des Junggesellen Anderwert genüsslich ausgeschlachtet. Politisch warfen ihm seine früheren Freunde vor, dass er, Bundesrat geworden, seine früheren «Grundsätze» verleugne.

 

In der «Thurgauer Zeitung» schrieb Chefredaktor Jakob Huber nach Anderwerts tragischem Ende: «Um das Bewusstsein, einen Mann in der Vollkraft seiner Jahre durch systematische Verleumdung in den Tod gejagt zu haben, und dadurch nicht bloss auf das Haupt des Mannes, sondern auf das ganze Vaterland, an dessen Spitze er zu treten berufen war, Schmach und Schande gehäuft zu haben, ist wahrlich niemand zu beneiden. Der Tod Anderwerts bezeichnet ein schwarzes Blatt in der Geschichte der schweizerischen Journalistik, und noch spätere Generationen werden vor Schmerz und Scham erröten, wenn sie dieses Blatt aufschlagen.» Und der Schweizer Korrespondent der Pariser Zeitung «Le Temps» schrieb: «Durch die radikale Partei in den Bundesrat gekommen, hat Anderwert das Schicksal erfahren, dem bisher ohne irgendwelche Ausnahme keiner entgangen ist, der durch diese Partei hochgetragen worden ist. Kaum ins Amt getreten, wurde er beschuldigt, seine Prinzipien und die Sache verleugnet zu haben, für die er bis dahin gekämpft habe»

 

(Zusammengefasst aus «Heil Dir Helvetia – Die Freude an der Macht», Edition Gutenberg, 1984, herausgegeben von Christian Fehr).